Der Sandklangort®
Interview mit Christine Gasser
Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Sandklangort zu entwickeln?
Inspiriert von Arno Stern, beflügelt von den wundervollen Kindern und
Jugendlichen, die ich kennengelernt habe und beeindruckt von den
Erwachsenen, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin, tauchte letzten
Sommer erst einmal die Idee von einem ähnlichen Ort auf. Allerdings hieß er
damals noch Sandspielort. Berichte und auch mein eigener Eindruck vom Leid
der Kinder und Jugendlichen, das in den letzten fünf Jahren ausgelöst worden
war, verstärkten diese Idee und ließen mich nicht mehr los. Und als ich dann
beschloss, nach Wien zurückzukehren, hatte ich mich lange genug damit
beschäftigt, um die Gewissheit zu haben, mit dem von mir entwickelten
Sandspielort Menschen ab 8 J. einen Ort anbieten zu können, der sie in ihrer
Entwicklung einzigartig unterstützt. Davon bin ich auch heute noch überzeugt,
doch mir persönlich fehlte etwas.
Und das war der Klang?
Na ja, das wusste ich erst gar nicht. Ich stand an einer Straßenkreuzung
umgeben von penetrantem Stadtlärm fern aller mir lieb gewordenen vielfältigen
Naturgeräusche der letzten Jahre und begriff plötzlich meine Rolle an diesem
Ort. Und als ich dann endlich zu Hause war und erleichtert die Türe hinter mir
schloss und die Stille in meiner Wohnung aufsog, schüttelte ich den Kopf: Kein
Mensch kann sich in diesem Stress, der sich in einer Großstadt zwangsläufig
ergibt, selbst wahrnehmen und die eigene innere Stimme hören. Wenn dem aber
nicht so ist, sind die Menschen entweder stimmlos oder verstimmt. Es sei denn,
sie achten bewusst auf Rückzug und Stille und wissen, mit sich umzugehen.
Aber dann braucht man doch keinen Klang!
Könnte man meinen. Doch Ruhe und Stille sorgen nicht automatisch für
Gestimmtheit. Bei manchen Menschen geht die Unruhe dann erst so richtig los.
Und dann brauchen sie wieder irgendetwas im Außen. Mir geht es aber nicht um
Ablenkung, davon haben wir ja eben viel zu viel. Und mir geht es auch nicht
einfach um Klang.
Worum geht es dir dann?
Ich saß also in der Stille meiner Wohnung und überflog mein damaliges Konzept
von einem Sandspielort. Und noch einmal und noch einmal. Ich hatte immer
noch große Freude daran, aber es fehlte etwas. Und dann erinnerte ich mich an
meine Erkenntnis an der Kreuzung. Darüber, welche Rolle ich am Sandspielort
habe, als was ich mich verstehe: Ich verstehe mich als Stimmgabel der
Menschen, vor allem der Kinder und Jugendlichen, damit sie ihren ganz eigenen
Ton finden können. Aber wenn ich die Stimmgabel bin, muss ich selbst bestens
gestimmt sein. Und dazu muss ich meinen eigenen Ton kennen.
Also besuchte ich einen Sonologen und bat ihn, meinen Grundton zu bestimmen.
Und was hast du dort erfahren?
Ich habe genau die Töne gesprochen, die ich für mein Wirken am Sandspielort brauche.
Um den Grundton in mir zu stärken, erhielt ich eine Singübung, die ich täglich machen kann.
Es ist ein feine, weitere Möglichkeit, in der Mitte zu bleiben und damit bei sich selbst.
Mir wurde dadurch aber erst so richtig bewusst, dass wir alle Klingende sind.
So wurde aus dem Sandspielort der Sandklangort.
Diese Erfahrung hat dich wohl sehr beeindruckt?
Oh ja. Ich konnte sofort wahrnehmen, wie mein Körper auf die Übungen reagiert bzw. auf mein Singen der Grundtonübung. Wie er sich in Harmonie einschwingt und Prozesse in Gang kommen.
Mir waren Töne schon immer näher als Bilder, ich reagiere stark auf Töne, überhaupt auf Klang.
Jedoch besteht unser aller Körper aus über 60% Wasser. Und Wasser reagiert auf Klang.
Diese Tatsache betrifft uns somit alle - alle Körper bzw. das Wasser in unseren Körpern reagieren auf Töne,
auf Klang, auf Musik. Und natürlich auch auf Lärm und akustische Zumutung.
Der Sandklangort ist also für Kinder und Jugendliche gedacht?
Ja, obwohl ich sehr hoffe, dass auch Erwachsene diesen Ort für sich entdecken
und zu schätzen wissen.
Wieso bist du vom Sandklangort so überzeugt?
Für die jungen Klingenden bedeutet die Tätigkeit im Sand, spielerisch
schwierige Erlebnisse verarbeiten zu können über Ausdrucksmöglichkeiten, die
sie im Alltag so nicht finden.
Die Kombination aus sinnlichem Gestalten – Sand – und der Freiheit,
Ausgedrücktes nicht erklären und besprechen zu müssen UND zu erleben, dass
diese Freiheit für alle gilt, ermöglicht auch das Erleben von Gleichwertigkeit
und Autonomie.
Befinden sich im Raum gleichzeitig Klingende unterschiedlichen Alters, kann
gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung in sämtlichen Lebensphasen als
Selbstverständlichkeit gelebt werden. In Stunden, die bewusst für Gleichaltrige
gedacht sind, kann Bewertungslosigkeit untereinander geübt werden.
All diese Komponenten finden also an einem Ort statt, wo eine Gestimmte den
Klingenden den Raum hält, damit sie ihren ganz eigenen Ton finden können.
Am Sandklangort passiert also nicht nur das Spiel im Sand, das stärkt und positive Veränderung unterstützt?
Es entwickelt sich auch eine Gemeinschaft, die zusammenkommt, um einander
zu ermöglichen, einen Weg zu sich selbst zu erspielen – konzentriert, kreativ,
rücksichtsvoll und ohne bewertet zu werden.
Was ist die Voraussetzung, um zum Sandklangort kommen zu dürfen?
Mindestens 8 Jahre zu sein, selbständig gestalten zu können, eine respektvolle und rücksichtsvolle Haltung den anderen Klingenden im Raum zu zeigen, die Bereitschaft, sich auf Sand einzulassen, die Fähigkeit, Regeln einzuhalten.
Welche Regeln sind denn einzuhalten?
Ich habe sie eigens angeführt. Die Regeln finden sich hier.
Kann man auch zu alt sein für den Sandklangort?
Jeder Mensch, der gehen, stehen und sitzen kann und den 8. Geburtstag schon
gefeiert hat, ist jung genug.
Wieso denn sitzen, steht man denn nicht am Sandklangort?
In erster Linie und hauptsächlich – ja. Es gibt aber auch Sitzmöglichkeiten,
sollte jemand geschwächt sein und sich zwischendurch setzen wollen oder
müssen.
Darf man auch zum Sandklangort kommen, wenn man einfach nur Freude am Spiel im Sand hat?
Selbstverständlich!
Welche Gründe könnten Erwachsene haben, zum Sandklangort zu kommen?
- weil sie innere Klarheit suchen
- weil sie ein neues Projekt planen
- weil sie über das vergangene Jahr nachdenken wollen
- weil sie ein Gefühl für unerwartete Herausforderungen bekommen wollen
- weil sie sich neu orientieren müssen oder wollen und dazu einen neuen Weg zu sich selbst brauchen
- weil sie offen und neugierig auf sich selbst sind und sich entdecken wollen
- weil sie einfach nur in ihrem eigenen Spiel im Sand versinken wollen
Gibt es einen Grund, nicht zum Sandklangort zu passen?
- wer die Einzigartigkeit anderer nicht respektieren mag
- wer Ruhe nicht genießen kann
- wer Gruppen ablehnt
- wer Sand nicht mag
- wer auf den eigenen Ton pfeift
Kann es vorkommen, dass Eltern eine andere Entscheidung treffen sollten, als ihr Kind zum Sandklangort zu bringen?
Wenn sich ihr Kind in Gruppen nicht auf sich selbst konzentrieren kann, wäre es
besser, eine Einzelbetreuung zu überlegen und sich z.B. für Sandspieltherapie zu
entscheiden. Das Besondere am Sandklangort ist, dass sich jede Person, egal wie
alt sie ist (ab 8 J.), in der Gemeinschaft nur auf sich selbst und das Spiel im Sand
konzentriert. Und das genießen können soll.
Kann es auch für Erwachsene einen Grund geben, sich für einen anderen Ort zu entscheiden?
Ich vertraue darauf, dass Erwachsene, die diese Informationen lesen, sehr gut
spüren, ob sie diesen Ort besuchen wollen.
Bietest du noch Sandspieltherapie an?
Nein.
Kannst du auch den Grundton von anderen bestimmen?
Nein, ich bin keine Sonologin. Ich bin die Stimmgabel am Sandklangort.
Und du meinst, dass die Klingenden ihren eigenen Ton bekommen, wenn sie am Sandklangort sind?
Nein, den haben sie schon, wenn sie auf die Welt kommen. Er wäre sogar über
einen Bluttest bereits im Mutterleib feststellbar. Sie kommen wirklich mit ihrem
ganz eigenen Grundton zur Welt, nicht mit dem der Eltern. Er wird also nicht
vererbt, sondern ist Ausdruck ihrer einzigartigen Persönlichkeit.
Du strahlst immer so, wenn du vom Sandklangort erzählst – was verbindest du damit?
Töne! Und Freiheit … Kreativität. Verbundenheit. Gemeinschaft. Heilung.
Leichtigkeit. Entwicklung. Frieden.
Du lebst eine große Vision.
Für mich ist es am Schönsten, dass die jungen Klingenden am Sandklangort die
ihnen innewohnende Schönheit erleben und genießen können. Und wenn sie im
Alltag in schwierige Situationen kommen, in denen sie vielleicht keine Lust darauf
haben, besonders freundlich zu sein, können sie viel leichter überlegen:
Entscheide ich mich für die Schönheit in mir oder gebe ich mich den Emotionen
hin, egal, wie es den anderen und auch mir selbst dadurch ergeht.
Das gilt natürlich auch für die älteren Klingenden.